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Rezension Rezension - Roman: "Das Koma"
Alex Garland, Goldmann

Kurzbeschreibung:

"Aufwachen bedeutet Emporsteigen, und Träumen bedeutet Sinken", sagt Carl, der es wissen muss, denn er liegt seit einiger Zeit schon im Koma. Und genau in dieser metaphorischen Feststellung manifestiert sich der zentrale Punkt in Alex Garlands neuem Roman Das Koma .

So einfach und präzise wie sein Titel ist auch der Erzählstil Garlands. Angenehm unaufgeregt und in einfacher Sprache erzählt Das Koma die Geschichte von Carl, der, als er einer jungen Frau in der U-Bahn zur Hilfe kommen will, zusammengeschlagen wird und daraufhin im Koma "erwacht". Die Welt, die er vorfindet, ist ihm fremd und erscheint ihm zufällig. Personen treten in sein Blickfeld, von denen er nicht mehr genau weiß, in welcher Beziehung sie zu ihm stehen. Orte und Zeit verschmelzen zu einem undurchschaubarem Schleier, der ihm träumerisch vor den Augen liegt. So bleibt ihm nur, Schritt für Schritt diesen Schleier zu lüften.


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Rezension und Literaturkritik:

Das Koma ist Alex Garlands bislang literarischstes Buch. Und endgültig mit aller Eindringlichkeit, die jedoch vollkommen ruhig erscheint, schildert uns Garland sein immer wieder aufs Neue bearbeitetes Thema: den Existenzkampf. Seine äußerst erfolgreiche Herr der Fliegen-Variante Der Strand stellte Fragen nach der Organisation von Zivilisation und den existenzsichernden Normen und Werten einer Gemeinschaft. Bei dem Nachfolger Manila , auch wenn Garland hier sein literarisches Können beeindruckend vorführte, blieb der kommerzielle Erfolg weitgehend aus. Kühl und verschachtelt wird der Existenzkampf in Manila auf das Grundsätzliche, das Überleben selbst, reduziert. Als eine Fusion aus beiden Erzählungen erscheint die Drehbuchvorlage für Danny Boyles 28 Days Later . Die Zivilisation ist beendet und der Existenzkampf beginnt. Und dennoch erweitert Garland hier seinen thematischen Rahmen, in dem er der Frage nachgeht, was die Existenz eines Menschen überhaupt ausmacht. Der aufgeregte Zorn, den der Held nach der Apokalypse erfährt, steigert sich in Das Koma in endlose Ruhe. Den Zustand des Komas, welcher auch die Ausgangssituation in 28 Days Later darstellt, übernimmt Garland nun, um den Blick auf die Existenz noch genauer zu fokussieren.

Nicht mehr äußerlich werden Fragen nach der Existenz und den Bedingungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens gestellt. Der Blick richtet sich auf die Konstitution des Subjekts. Während des komatösen Zustands kämpft eine Person darum, eine Person zu sein. Das Koma erscheint als Geburtshelfer einer Selbstfindung. Hierfür müssen verschiedene und unzusammenhängende Teile der Erinnerung zu einem Bild zusammengefügt werden. Wenn wir lediglich die Summe unserer Erinnerungen sind, scheint Garland zu fragen, sind wir dann noch existent, wenn wir nicht mehr die Fähigkeit zur Erinnerung haben?

Diese Frage geht in einer fremden Welt auf, die genauso real sein könnte wie die äußere. In dieser Traumlandschaft verliert sich Carl bis zu äußeren Grenze. Und sogar diese löst sich auf. Denn die Erfahrung, dass Aufwachen Emporsteigen bedeutet, beruht auf unseren physischen Erfahrungen und besonders auf dem Wissen um die Begrenztheit unseres Körpers. Alle Definitionen der Äußerlichkeit verlieren sonst ihren Wert.

Und Carl steigt weiter hinab bis sich alle Körperlichkeit letztlich auflösen muss. Was bestehen bleibt ist ein Bewusstsein, dessen sich nichts mehr bewusst sein kann. Nur nicht den Verstand verlieren, weiß auch Carl. Dies ist die äußerste Grenze der vollkommenen Selbst-Auflösung. Nur in einem dialogischen Prozess, in dem Kontakt zu einer anderen Person, kann die Selbst-Definition erfolgen. Doch stehen wir ganz am Anfang. Alles muss erst erfahren und erzählt werden.

So muss der Leser folgerichtig eine Geschichte erzählt bekommen, die schließlich dabei ist, sich selbst zu erzählen. Doch scheint es gleichgültig wie viel Realität, wie viel Traum ineinander übergehen. Ob Traum oder Realität, stellt Garland fest, das Wichtigste ist die Geschichte. Und diese erzählt Alex Garland auf eine großartige Art.

 

( Redaktion: Christoph Kohlhöfer )

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