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Leberbeschreibung
Eine Frau, hier aus meiner Nachbarschaft, kommt alljährlich und bittet mich, ihr eine Leberbescheinigung zu verfassen. Ich habe ihr schon hundert Mal erklärt, dass dies keine Leberbescheinigung sondern eine Lebensbescheinigung für ihre Rentenauszahlung sei. Als Kroatin scheint sie den Unterschied einfach nicht kapieren zu können. Also, was jetzt hier folgt ist keine Leberbeschreibung:
Wie verfasst man eine Lebensbeschreibung? Ich versuche es:
Kurz bevor im Jahre 1952 mein Abitur anstand, fragte unser Deutschlehrer jeden von uns, was er werden wolle. Ich sagte, wie es meine Eltern bestimmt und mit dem Herrn Onkel Juraprofessor ohne mein Wissen und Zutun festgelegt hatten: "Jurist". Mutter soll gesagt haben: "Es ist ein Kreuz mit dem Jungen, er interessiert sich für gar nichts." Worauf der gelehrte Onkel eigenartigerweise erwidert haben soll: "Dann ist Jura gerade das richtige für ihn."
"Du, Jurist?", damals durften die Abiturienten noch geduzt werden, Studienrat Leimberger wäre das allerdings auch egal gewesen. Er duzte jeden, den er mochte und uns Schüler mochte er sehr: "Schriftsteller musst du werden, dich am besten in eine alte Ritterburg zurückziehen und schreiben, schreiben, schreiben." Dabei war ich in seinem Unterricht keineswegs der Beste, aber er schien meine Phantasie erkannt zu haben.
Als ich es meinen Eltern berichtete, lachten sie mich aus. Mein Vater, Staatsbeamter, hielt gar nichts von solchen "Bettelberufen". Warum der Rechtsanwalt, der ich dann gehorsam wurde, sicherer war, dahinter bin ich bis heute nicht gekommen. Ich soll keine schlechter Jurist gewesen sein, sagen sie, aber ein Anwalt muss Kaufmann sein, das Recht teuer verkaufen können, und das war ich nicht. 40 Jahre lang habe ich Hunderte von Ehen geschieden, tausend Prozesse gewonnen, doch auch ebenso viele verloren, denn es gibt immer auf der einen Seite einen Gewinner auf der anderen den Verlierer, ich habe Ganoven verteidigt und guten Leuten geholfen. Man gewinnt einen Prozess nicht, weil man gut ist, sondern wenn die Beweislage gut ist. Einen Güterzugwagon unnützen Papiers habe ich vollgeschrieben (Scheidungsklagen, Mahnschreiben, Abmahnungen, Forderungsprozesse, Beleidigungsklagen, Nachbarstreitigkeiten usw.). Nach vierzig Jahren Papierverschwendung habe ich das angefangen, was Leimberger mir damals geraten hat. Vierzig Jahre habe ich gebraucht, mich freizuschwimmen und das zu tun, was ich schon immer hätte tun sollen. Wenn sich Menschen an meinem Buch oder meinen Büchern oder Gedichten erfreuen, ich glaube, dann habe ich mehr erreicht, als in 40 Jahren Advokatur. War je einer von meinen früheren Mandanten wirklich glücklich mit dem Ergebnis einer fragwürdigen Beihilfe zur Judikatur? Ich bezweifle es! Doch! - Glücklich waren vielleicht die Ganoven, die unter meiner Mitwirkung versehentlich freigesprochen wurden.
Ich bin geboren 1931 (aber immer noch fit wie ein Turnschuh und das soll auch die nächsten 47 Jahre so bleiben).
Hobbys: Schreiben, schreiben, schreiben. Ich möchte fast sagen: Ich schreibe über alles, was mir zwischen die Finger kommt. Ich habe noch Hunderte von Ideen und mehrere angefangene und vorübergehend zur Seite gelegte Romane und Geschichten.
Ich bin "rückständig": Bei mir müssen sich Gedichte noch reimen und was ich schreibe soll verständlich sein, lieber zu einfach als unverständlich. Und ich habe Gefühle und kann sie auch zeigen.
Günther Rudolf
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Bücher dieses Autors (Auszug):
Das vergessene Gebot
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